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Finnische Familiennamen und europäischer Zeitgeist

Sirkka Paikkala

1. Einhelmischer Hintergrund

Vor der Mitte des 19. Jahrhunderts waren in Finnland mehrere verschieden alte und zu verschiedenen Zwecken entstandene Familien- und Beinamensysteme im Gebrauch. Sie bildeten die Elemente, aus denen vor gut hundert Jahren begonnen wurde, ein einheitliches Familiennamensystem aufzubauen. Das finnische Namensystem war durch eine markante Zweiteilung gekennzeichnet, in der sich die alte kulturelle Zweiteilung in Ost und West widerspiegelte (s. Abb. l). Diese kulturellen Unterschiede fanden ihren Niederschlag auch in der Namenpraxis. In Ostfinnland wurden Familiennamen schon seit Jahrhunderten weitervererbt. Im Zuge

Abb. 1. Die Grenze zwischen der ostfinnischen und der westfinnischen Namenpraxis im 18. Jahrhundert.

der Differenzierung der Stände wurde auch die Bei- und Familiennamenpraxis der verschiedenen Volkstelle in West- und zum Teil auch in Ostfinnland differenzierter. Zur Zeit der Schwedenherrschaft begannen nämlich die höheren Stände, nach europäischem Vorbild hinzugefügte Bei- und sogar Familiennamen anzunehmen. Im 17. Jahrhundert, zur Großmachtzeit Schwedens, nahm die Zahl nicht-finnischer Bei- und Familiennamen stark zu, denn der kontinentale Brauch des Adels, der Geistlichkeit, der Beamtenschaft und des Bürgertums, persönliche Beinamen zu verwenden, fand seinen Weg nach Finnland. Dem Vorbild des Adels gemäß wurden auch die fremden Namen im Bürgertum und in der Akademikerschaft allmählich vererbbar. Die Praxis besonderer Beinamen breitete sich auch unter Handwerkern und Soldaten aus.

Nach der langen Zeit der Schwedenherrschaft wurde Finnland im Jahre 1809 Russisches Autonomes Großfürstentum. 1863 wurde Finnisch neben Schwedisch als Amtssprache anerkannt - obwohl auch eine Obergangszeit von 20 Jahren festgesetzt wurde. An der Universität Helsinki währte die Vorherrschaft des Schwedischen allerdings noch sehr viel länger. Die Selbstständigkeit erlangte Finnland erst 1917.

2. Forschungsbericht

2.1. Familiennamenforschung

Eine umfangreichere Untersuchung, an der ich arbeite, befindet sich in der Abschlußphase. Ich beschäftige mich darin mit zwei Themen. Es handelt sich erstens um die sog. finnische Bewegung und die neuen Familiennamen in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, womit die Entstehung und die Ausbreitung des häufigsten finnischen Familiennamentyps (des sog. Virtanen-Typs) im Zusammenhang stehen. Das zweite Thema ist der Einfluß der damit verbundenen öffentlichen Diskussion auf die Ausformung des modernen Familiennamenbegriffs von der Mitte des vorigen Jahrhunderts bis 1920. Ziel ist, die Entwicklung des heutigen finnischen Familiennamenschatzes und die Herausbildung seiner Regeln in der erwähnten historischen Epoche darzustellen. Zu diesem Zweck habe ich etwa 200 Zeitungsartikel aus dem 19. Jahrhundert, in denen Familiennamen behandelt werden, gesammelt und analysiert. Es handelt sich dabei um eine größere, schon in den achtziger Jahren begonnene Untersuchung (vgl. Paikkala 1988), die ich wegen Platzmangels hier nur in groben Zügen vorstelle1.

Zur Verwendungsweise von Familien- und Beinamen erschien im 19. Jahrhundert eine Reihe von - ideologisch gefärbten - Artikeln (z.B. Moittivainen 1856, Kilpinen 1857, Ahlman 1862, Lindström 1862). Einzige als wissenschaftlich zu bezeichnende Publikation auf diesem Gebiet ist eine 1891 erschienene Dissertation von A. V. Forsman; der Gegenstand dieser Untersuchung ist ein ganz anderer als der meiner Arbeit.

Die Verwendung von finnischen Bei- und Familiennamen im 19. Jahrhundert ist so gut wie nicht untersucht, die Forschung konzentriert sich vor allem auf die Etymologie. Von Eeva Maria Närhi stammen einige Artikel über die Fennisierung von Familiennamen im Jahre 1906 und in den dreißiger Jahren dieses Jahrhunderts sowie über Familiennamen im allgemeinen (s. Närhi 1996). Gebrauchsnormen von Soldatennamen wurden in einem auf einer Magisterarbeit basierenden Aufsatz von Pirjo Mikkonen (1986) untersucht, der auch mein Untersuchungsthema streift. Die ausführlichste Behandlung von Gelehrtennamen stammt wohl von Carl-Eric Thors (1975). Beinamen im städtischen Milieu wurden jüngst von Ritva Valtavuo-Pfeifer (1996) untersucht. Von Viljo Nissilä (1956) und Eero Kiviniemi (1982) stammen Überblicke über die Familiennamenpraxis. Von Bedeutung ist ein Werk von Urpo Kangas (1991) über das Namenrecht.

Fast alle erwähnten Aufsätze liegen einer gemeinsamen Arbeit von Pirjo Mikkonen und Sirkka Paikkala (1984) zugrunde. Ich habe weiter eine große Zahl von zum Teil auch populärwissenschaftlichen Artikeln besonders über die Veränderungen, die im Laufe der letzten hundert Jahre im finnischen Familien- und Beinamengut vorgegangen sind, veröffentlicht (s. u.a. Paikkala 1985, 1988, 1995, 1996).

Weitgehend dasselbe Thema und denselben Zeitraum wie in meiner Untersuchung behandelt Marianne Blomqvist in ihrer Dissertation (1988). Diese Arbeit gibt aufgrund genauen Kirchenbuchmaterials Aufschluß darüber, wie sich in einer Gemeinde im schwedischsprachigen Ostbottnien (Replot) der Übergang von Beinamen zu Familiennamen abgespielt hat. Auch in einem allgemeinen Überblick beschäftigt sich Blomqvist (1993) mit der Anwendung von Bei- und Familiennamen. Auch von Raija Sandström (1985) wird in ihrer Dissertation mein Untersuchungsthema gestreift. Augerdem wird in vielen biographischen, genealogischen und geschichtlichen Artikeln dieselbe Thematik in gewissem Maße behandelt. Erwähnenswert ist ein Artikel von Paavo Pajula (1956), in dem die ersten Fennisierungen der Familiennamen an der Universität behandelt werden. Der erste Artikel, in dem die Unterschiede zwischen ost- und westfinnischen Familiennamen auf -nen behandelt werden (Thilman 1968), ist den Namenforschern bisher meist entgangen. Dasselbe Thema wird zum Teil auch von Matti Kuusi (1972) behandelt. Im Grunde sind Thilman und Kuusi die einzigen, die sich mit den westlichen Familennamen auf -nen beschäftigt haben.

2.2. Verbreitungsforschung

Den modernen Begriff des Familiennamens sehe ich als Innovation oder besser als Endergebnis einer Kette von Innovationen. Als die ursprüngliche Idee kann der noch nicht ganz ausformulierte Gedanke des Professors und Schriftstellers August Ahlqvist aus dem Jahre 1856 gelten, daß "jeder einen finnischen Familiennamen haben sollte"2 bzw. "kein Finne mehr einen Namen fremder Zunge annehmen solle"3.

Im Rahmen der Untersuchung der Akzeptionsweise der Neuerungen unterscheide ich zwischen Initiatoren der Entwicklung, also national einflußreichen Persönlichkeiten (opinion leaders; im besonderen eine Reihe von Universitätslehrern) und Vermittlern der Neuerungen (change agents; die alle eine entscheidende Rolle bei der Weiterentwicklung und Verbreitung der Neuerungen spielten, wie Geistliche, Journalisten, Lehrer) sowie endlich den Einflußkanälen (communication channels; Informationen wurden über die Presse, Pfarrhäuser, Schulen, Fabriken, Direktiven und direkte Verwaltungsakte verbreitet). Den Prozeß der Innovationsannahme, die Verbreitung der neuen

Praxis und der neuen Namentypen stelle ich u.a. geographisch-chronologisch dar. Als theoretisches Vorgehen habe ich das in der Kommunikationsforschung angewandte Modell der Diffusionsforschung (social diffusion theory) von Everett M. Rogers (1983) gewählt.

In der Neuerungsausbreitung wird die gemeinsame Wirkung sowohl des öffentlichen Gespräches als auch interpersonaler Kanäle sichtbar. Bel den letzteren fällt in der Anfangsphase die Heterophilie zwlschen einerseits Initiator und Vermittler und andererseits Empfänger auf, und zwar u.a. in Bezug auf Ausbildung und gesellschaftliche Stellung. In der Kommunikation innerhalb des einfachen Volkes nahmen die Neuerungen keinen großen Raum ein. Wahrscheinlich lebte die alte Beinamentradition weiter, und die neuen Namen wurden nur in offiziellem Zusammenhang benutzt.

3. Europäischer Einfluß

Der allgemeine Bedarf an Bei - oder Familiennamen war sowohl praktischer als auch ideologischer Natur. Er nährte sich aus zwei miteinander verflochtenen Phänomenen, dem aufkommenden Nationalismus und der Schaffung des Nationalstaates sowie aus dem sich aus dieser Entwicklung ergebenden Bedarf an gesellschaftlichen Institutionen. Der finnische Nationalismus hatte staatlichen, wirtschaftlichen und kulturellen Charakter.

Ideelle Triebfeder der Veränderungen war das Aufkommen des europäischen Nationalgedankens in Finnland. Die gleichzeitigen Veränderungen in der Gesellschaftsstruktur schafften einen "objektiven" Bedarf, die westfinnische, agrarische Namenpraxis aufzugeben.

Das nationale Erwachen war eine internationale Bewegung im Europa des 19. Jahrhunderts. Schon die ständische Namenpraxis wie auch die der Rottensoldaten und Handwerker in Finnland war - durch Schweden vermittelt - europäisch. Aus Europa übernommen wurde in Finnland auch die Sitte, daß die Ehefrau den Familiennamen des Mannes annahm. Erst in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts begannen die ersten Frauen der gehobenen Stände den Familiennamen ihres Mannes zu benutzen. Diese Praxis breitete sich schnell auch in den gehobenen Ständen der abgelegenen Gegenden aus. Im ostfinnischen einfachen Volk faßte diese neue Mode jedoch nicht besonders schnell Fuß da Familiennamen schon seit Jahrhunderten im Gebrauch waren und verheiratete Frauen immer den Familiennamen ihres Vaters benutzten. Erst vor etwa hundert Jahren wurde die Annahme des Familiennamens des Mannes vorherrschend. So stammt z.B. die erste Kirchenbucheintragung eines durch Heirat angenommenen Namens in meiner ostfinnischen Heimatgemeinde Kiuruvesi aus dem Jahr 1829, als die Frau des Hilfspfarrers Åkerman unter dem Namen Martina Maria Åkerman, född ('geborene') Lyra eingetragen wurde. Auch noch nach der Jahrhundertwende trug hier und da die alteingesessene Bäuerin den von ihrem Vater ererbten Namen als ihren Familiennamen ein.

In der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts verfolgten die Befürworter von finnischsprachigen Familiennamen - sowohl Initiatoren als auch Vermittler - das Zeitgeschehen im übrigen Europa. U.a. in der Provinzzeitung Savo wurden im Herbst 1883 die Familiennamen bei den Liven und Esten behandelt (Wieraista sukunimistä Suomessa). In der Regionalzeitung Rauman lehti ('die Zeitung von Rauma') schrieb z.B. der auch als Dichter bekannte Kaarlo Kramsu 1886 (in Übersetzung):

Überhaupt kann man überall in der Welt vom Namen auf die Nationalität schließen. Russen haben russische, Franzosen französische, Deutsche deutsche Namen usw. - In früheren Zeiten war es zwar Überall in Europa Sitte, daß Personen, die sich der Lehre verschrieben, lateinische oder griechische Namen annahmen aber diese Sitte ist bereits allgemein verworfen4.

Aus den Schriften der einflußreichsten Persönlichkeiten kann man ersehen, daß sie sich schon Mitte des vorigen Jahrhunderts mit der deutschen onomastischen Literatur bekannt gemacht hatten. Die Gelehrten studierten seinerzeit oft auch in Mitteleuropa. Auch in Finnland wurde die philosophische Diskussion auf dem Kontinent verfolgt. Die Diskussion um die Familiennamen basierte auf Gedanken, die der Staatsmann, Journalist und Professor J. V. Snellman vorgetragen hatte. Snellman war ein bedeutender Hegelianer und der Vater des finnischen Sprachprogramms. Meines Wissens hat aber Snellman an der öffentlichen Familiennamendiskussion in keiner Weise teilgenommen.

Die vom Snellmanschen Hegelianismus betonte Hebung des Nationalgeistes und Nationalbewußtseins sowie die Schaffung eines starken finnischen Volkes setzten die Erziehung des einfachen Volkes und eine Annäherung von Intelligenz und Volk voraus. Auch dem einfachen Volk sollte Bildung vermittelt werden, andererseits sollte die Intelligenz dazu übergehen, Finnisch zu sprechen. Eine konsequente Fortsetzung erfuhr dieser Gedanke in der Forderung, das Volk solle in den Schulen Bei- oder Familiennamen erhalten, und die Intelligenz solle entsprechende Namen annehmen.

Die Namen wurden als nationales Symbol empfunden wie die eigene Sprache, die eigene Fahne, eigene Währung usw. In einem Artikel in einer Provinzzeitung Satakunta wurde im Jahre 1887 die Bedeutung der Familiennamen im zum Nationalstaat heranwachsenden Finnland so beschrieben (in Übersetzung):

Je mehr die Bildung zunimmt und sich die gesellschaftlichen Verhältnisse entwickeln, desto mehr tritt jeder Mann erneut hervor als selbstständiges nationales Individuum, das als äußeres Zeichen dieser nationalen Individualität einen eigenen besonderen Familiennamen braucht. Und das verlangen auch der wachsende Verkehr und die damit einhergehende Zusammengehörigkeit der Mitglieder der Nation. Fern kann daher die Zeit nicht sein, wo die Lage der Dinge auch die Volksschichten, die heute noch keinen Familiennamen haben, dazu zwingt, sich wirkliche Beinamen zuzulegen, sich dabei aber nicht mehr wie bisher des antiquierten Reservespeichers des Schwedentums zu bedienen5.

4. Ideologischer und nationaler Streit

Später zeigten sich in den Reihen der sogenannten Fennomanen zuweilen Linienstreitigkeiten, und es gab Gruppierungen, die unterschiedlich zur Fennisierung der Familiennamen standen. Gegenkräfte der Fennomanie waren der Skandinavismus, der Finnland näher an Schweden anlehnen wollte, und später der finnlandschwedische Nationalismus, dessen führende Persönlichkeit, der Sprachforscher A. O. Freudenthal, auch anhand des Namengutes die Überlegenheit des schwedischen Volksteils zu betonen versuchte. Die Schwedischgesinnten, die sog. Svekomanen (zu lat. svecus 'schwedisch'), wollten die Überlegenheit der Schweden auch damit beweisen, daß die Familiennamen der Akademiker in Finnland schwedisch oder wenigstens nicht-finnisch waren und daß die Gelehrten auch zu Hause Schwedisch sprachen. Mit Nachdruck griffen die Svekomanen auch die Fennisierung der Familiennamen an.

Meine Untersuchungen gelten, wie gesagt, nicht nur der Bildung der neuen finnischen Familiennamen, sondern auch der Behandlung der Namen in der Presse und in der öbrigen öffentlichen Diskussion und dem daraus auf die Entwicklung der Familiennamen erwachsenen Einfluß.

Die Namen betreffenden Presseartikel aus dem 19. Jahrhundert (insgesamt nahezu 200) können grob danach eingeteilt werden, wie in ihnen das Namengut behandelt wird. In über einem Drittel der Artikel werden grammatische und namenpflegerische Fragen besprochen: Orthographie, Deklination und Aussprache. In einem fast eben so großen Teil der Artikel wird die gesellschaftliche Bedeutung der Familiennamen behandelt. In diesen Artikeln sind geschichtliche Abrisse über den Gebrauch von Familiennamen zu finden. Die Familiennamen werden hier auch aus der Sicht der Sprach- und Nationalfrage behandelt, und zwar in Finnland wie auch anderswo in der Welt. Zu dieser Kategorie, in der also die gesellschaftliche Funktion der Familiennamen hehandelt wird, zähle ich auch die Artikel, die sich mit der Familie oder Individualität betonenden Seite der Familiennamen beschäftigen, und schließlich auch Artikel über Soldatennamen und andere besondere Beinamen. - Es ist ganz deutlich, daß sich die Artikel vor allem mit Themen aus einer dieser beiden Bereiche beschäftigen.

Ein dritter Themenkreis in den Artikeln ist die Namenkunde. In solchen Artikeln werden Etymologie, Volksetymologie, inhaltliche Vergleiche der Familiennamen in verschiedenen Ländern, Namengebungsweisen, das Verhältnis zwischen Ortsnamen auf -nen und Familiennamen sowie die Notwendigkeit des Sammelns und der Archivierung von Familiennamen angeschnitten.

Fast ebenso oft wie aus namenkundlicher Sicht werden Namen auch aus genealogischem Aspekt behandelt. Zudem beschäftigen sich zwei Artikel mit fiktiven Familiennamen.

Erwähnt sei, daß in dem betrachteten Zeitraum sehr viel weniger Artikel - nur etwa zwanzig - erschienen, die Vornamen zum Gegenstand hatten.

In den vierziger Jahren des 19. Jahrhunderts handelt es sich fast ausschließlich um orthographische Fragen. Eine gesellschaftliche Richtung bekam die Namendiskussion im Jahre 1856, als August Ahlqvist sich mitten im eifrigsten Orthographiestreit aufmachte, die finnischen Gesellen, die fremde Beinamen annahmen, zu tadeln. In den sechziger Jahren bemühte man sich dann nachzuweisen, daß die Finnen schon in Urzeiten Familiennamen gehabt hätten, sie durch die Schwedenherrschaft aber aus Westfinnland verschwunden seien.

In den siebziger Jahren des 19. Jahrhunderts ging das Gespräch auch darum, ob die finnische Intelligenz nun finnischen oder tatsächlich schwedischen Ursprungs sei. Es wurde Genealogie betrieben, die Herkunft der Namen in der Familie untersucht, und man war bestrebt, den finnischen Hintergrund der gebildeten Familien nachzuweisen. Dadurch stieg das Selbstbewußtsein der Finnen, und es wurde günstiger Boden für die Fennisierung der Familiennamen geschaffen.

In den siebziger Jahren mehrten sich auch die praktischen Gründe für die Einführung von Familiennamen. In diesem Jahrzehnt erfagte die Diskussion auch immer weitere Provinz- und Regionalzeitungen. Die vorgebrachten Gründe für eine Verbesserung der Namenpraxis können danach eingeteilt werden, was besonders betont wurde.

Zunächst sollten die Bei- und Familiennamen der Muttersprache ihres Trägers entsprechen. Sie sollten leicht auszusprechen und wohlklingend sein ("finnische Namen sind schön"; "fremdsprachige Namen sind schwer auszusprechen und zu schreiben"). Zum anderen und teils aus dem obigen folgend wurde gewünscht, daß die Familiennamen einen Hinweis auf die Nationalität des Trägers geben sollten. Meist wurde sogar davon ausgegangen, daß selbst Akademiker und Beamtenschaft finnische Familiennamen annehmen würden, obwohl sie zu Hause Schwedisch sprachen. Allerdings wollte ein Teil der Intelligenz und der Beamtenschaft gleichzeitig Finnisch lernen und dies auch zu seiner alltäglichen Umgangssprache machen. Als Grund wurde zum Belspiel angefuhrt: "fremde Namen werden mit fremden Kulturen in Verbindung gebracht" und ,wenn in Finnland fremde Familiennamen verwendet werden, entsteht der Eindruck, das geistige Leben in Finnland sei von auswärts importiert". - Diese beiden Gruppen von Argumenten sind in dem Material von zentraler Bedeutung.

Die Verwendung von Familiennamen wurde auch damit begründet, daß durch sie das Zusammengehörigkeitsgefühl der Familie erhöht würde ("gemeinsamer Name, gemeinsames Heim"; "ein erblicher Familienname ist eine Garantie für einen guten Namen wie bei Pferd und Kuh der Stammbaum für die Rasse").

Viertens geht aus den vorgebrachten Argumenten hervor, daß für die Ver wendung von Bei- oder Familiennamen eine praktische Notwendigkeit entstanden war. Die Gewerbefreiheit hatte die Industrialisierung und Urbanisierung des Landes in Gang gesetzt, die Bevölkerung war mobiler geworden, das Schulwesen und die Armee wurden neu organisiert usw. Die im Wandel befindliche Lebensweise machte Familiennamen notwendig, denn man war der Meinung, das Tragen eines Familiennamens zeige die Erweiterung des Lebenshorizontes über den eigenen Hof hinaus und betone die Individualität des Namenträgers. Die Argumente sind Abbild einer Gesellschaft im Wandel: der Übergang der Ständegesellschaft in die Gleichberechtigung schien Familiennamen als Manifestation der Gleichheit zwischen den Ständen vorauszusetzen.

Eine fünfte Begründung für die Notwendigkeit von Familiennamen wurde in den Institutionen gesehen, die ihre Mitglieder genauer als bisher registrieren mußten ("jeder Wehrpflichtige muß einen Familiennamen haben"; "wirtschaftliche und rechtliche Dokumente führen leichter zu Verwechslungen, wenn statt Familiennamen nur Patronymika verwendet werden"; "wenn sich der Beiname bei jedem Umzug ändert, wird z.B. die Fahndung nach Verbrechern erschwert"; "eine korrekte Besteuerung setzt Familiennamen voraus"; "Sparbücher können verwechselt werden"; "es soll auch schon jemand an Stelle eines anderen mit gleichem Vornamen und Patronymikon ins Gefängnis geraten sein"; "durch Familiennamen wurde die Vererbungsforschung erleichtert").

Es wurden schließlich auch ethische Prinzipien zur Begründung der Verwendung von Familiennamen aufgeführt ("ein Familienname ist die Garantie för ein reines Leben"; "besser als Angst vor Strafe hält ein Familienname seinen Träger auf dem schmalen Pfad der Tugend"; "Metronymika sind ihrem Träger 'eine lebenslängliche Erinnerung an die Schande der Mutter und die Untreue des Vaters").

Natürlich wurden auch Gegenargumente vorgebracht, die ich aber an dieser Stelle übergehe.

5. Folgen für die Familiennamen

5. 1. Gebrauch von Familiennamen

Die Familiennamendiskussion und der objektive Bedarf, sich in immer größerem Umfang fester Bei- und Familiennamen zu bedienen, führte auch zu praktischen Maßnahmen. Besonders zu Beginn des Prozesses nahmen nur einige wenige einen Familiennamen oder einen festen Beinamen an bzw. fennisierten ihren bereits gebrauchten Familiennamen. Andererseits begannen die oben hereits erwähnten Innovationsvermittler (u.a. Geistliche, Lehrer, Vorarbeiter usw.), im Rahmen ihrer Vollmachten aus eigener Initiative Namen zu vergeben. Indem sich vereinzelte Entscheidungen wiederholten, enstand eine neue Praxis, und die entstandenen Muster verdichteten sich zu Innovationen. Einzelne Innovationen verschmolzen daraufhin zu einer Innovationskette. Glieder dieser Kette waren u.a. folgende neue Praktiken:

Das Wichtigste war, daß auch in Westfinnland Familiennamen allgemein in Gebrauch kamen. Schließlich mußte jeder Börger einen Familiennamen haben.

In Westfinnland setzte sich das Wort sukunimi (finn. suku 'Geschlecht', nimi 'Name') gegenöber den vielen früheren volkstümlichen Termini für Beinamen durch, und der Terminus war somit eindeutig.

Ein dritter genereller Wandel lag darin, daß die verschiedenen Beinamen zu einem einheitlichen Familiennamensystem zusammenschmolzen. Die Gebrauchsnormen der Familiennamen kristallisierten sich heraus und nahmen einheitliche Form an. Das Ergebnis schlug sich im ersten Familiennamengesetz von 1920 nieder. (S. Abb. 2.)

Abb. 2. Hintergrund des finnischen Familiennamengutes.

Für den individuellen Namenträger waren zumindest die vier folgenden Innovationen von Bedeutung: Der Familienname durfte jetzt von jedem selbst gewählt werden. In der zweiten Hälfte des 19. jahrhunderts war dieses Recht noch nicht selbstverständlich, wurde aber im Familiennamengesetz von 1920 festgeschrieben. Allerdings wurde die Verwendung des Familiennamens damit auch zur Pflicht. Der Gebrauch von Patronymika und anderen Zwischenoder Doppelnamen faßte in Finnland dagegen nicht Fuß. Zum zweiten nahmen nun Frauen den Familiennamen des Mannes an. Drittens wurden die Familiennamen von nun an vererbt und zeigten die Zugehörigkeit des Trägers zu einer bestimmten Familie an. Viertens verschwanden andere Beinamen aus dem offiziellen Gebrauch. Familienname und Hofname wurden in offiziellem Zusammenhang als verschiedene Dinge betrachtet. Dagegen wurden inoffiziell weiterhin Hofnamen zur Identifizierung verwendet. Natürlich verschwanden auch die verschiedenen inoffiziellen Übernamen nicht.

Aus behördlicher Sicht hatte es große Bedeutung, daß Namensänderungen offiziell angemeldet werden mußten; schlleßlich wurden sie genehmigungspflichtig.

Sprachlich geschen gab es zwei deutliche Veränderungen. Das Familiennamengut wurde zum großen Teil finnisch. Auch erfuhren die formalen Normen finnischsprachiger Familiennamen Neuerungen, denn es entstanden neuartige Familiennamen (Familiennamen vom sog. Virtanen- und Laine-Typ und weitere neue Typen; s. Abschnitt 5.2 und 5.3). Das schwedischsprachige Familiennamengut hat dagegen keine entsprechende Modernisierung durchgemacht. Allerdings entwickelten sich hier Patronymika zu eigentlichen Familiennamen. Auch wurden Familiennamen zwar nach dem Muster von Patronymika, aber nicht aus dem tatsächlichen Vornamen des Vaters gebildet. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts nahmen auch Finnischsprachige in gewissem Umfang schwedische Patronymika als Familiennamen an.

Hoffnung auf die Aufnahme der Familiennamenforschung wurde bereits in der Mitte des 19. Jahrhunderts geäußert.

Noch in den siebziger und achtziger Jahren des 19. Jahrhunderts (und auch später) maß man den Familiennamen größere Bedeutung als Kennzeichen der Nationalität denn als Zeichen der Familienbindung zu. In der Presse wurde zur Aufgabe von Familiennamen fremden Ursprungs aufgefordert, auch wenn sie schon lange im Familiengebrauch waren. Die Geringschätzung des Familiennamens als Eigentum der Familie wird deutlich auch darin, daß es noch Anfang dieses Jahrhunderts vorkam, dag Geschwister oder Vater und Sohn ihren Familiennamen unterschiedlich fennisierten.

Obwohl ich mich nur mit der finnischen Seite des Themas beschäftige, soll doch hervorgehoben werden, daß die Unterscheidung des Familiennamen-begriffs von der alten Patronymikon- und Hofnamentradition nicht nur die Finnen betraf, sondern genauso die Finnlandschweden.

5.2. Neue Namentypen

Die geistigen Führer der nationalromantischen Periode erhoben die ostfinnische, für alte Familiennamen charakteristische Endung -nen zum Merkmal des finnischen Familiennamengutes (zum Suffix -nen s. näher Paikkala 1988, S. 28 f.). Als 1850 bis etwa 1890 in der finnischen Presse Muster und sogar fertige Listen finnischer Familiennamen veröffentlicht wurden, handelte es sich in der Mehrzahl um solche mit der Endung -nen und dazu meist um altbekannte ostfinnische Familiennamen. Als solche erfreuten sie sich jedoch nicht besonders großen Zuspruchs in Westfinnland, zum Teil sicher daher, daß man ihre Bedeutung nicht kannte. Es entstand aber ein ganz neuer Namentyp: das Suffix -nen wurde an Naturappellative angehängt. Namenelemente wählte man im allgemeinen aus den Bereiehen Flora, Bodenbeschaffenheit, Naturerscheinungen oder Topographie.

Auch die appellativischen Elemente finnischer (alter) Hofnamen wurden ausgeschöpft. Starkes ideologisches Motiv war dabei der finnische Naturbegriff der nationalromantischen Periode, der in den Gedichten des Nationaldichters J. L. Runeberg sichtbar wird und den Zacharias Topelius in seinem Werk Naturens bok ('Buch der Natur', 1856) und in dem schon zum Klassiker gewordenen Buch Maamme kirja ('Unseres Landes Buch', 1875) beschreibt. ich nenne diesen Namentyp nach seinem häufigsten Vertreter den Virtanen-Typ (finn. virta 'Strom' + Suffix -nen). Die Ausbreitung des Virtanen-Typs kann als ein chronologischer Indikator des modernen Familiennamenbegriffes verwendet werden (s. näher Paikkala 1988, S. 50 f.). Die ersten Namen neuen Typs tauchen in den funfziger und sechziger Jahren des vorigen Jahrhunderts auf. So bekam z.B. der Vater des bekannten finnischen Architekten Eliel Saarinen seinen Familiennamen im Zusammenhang mit seinem Schulbesuch in Jyväskylä. Der Lehrer bildete den Familiennamen nach dem Heimatort des jungen, nämlich Saarenkylä in Sysmä (finn. saari 'Insel', finn. kylä 'Dorf'), allerdings erst nachdem der Junge zunächst den schwedischen Namen Quickström bekommen hatte. (Voipio 1963, S. 35 f.)

Die erste Mode, die auf diesen Typ folgte, ging auch von der Natur aus, aber die Namen wurden ohne Suffix gebildet. Zur beliebtesten Neubildung am Ende des 19. Jahrhunderts wurde Laine (finn. laine 'Welle'), nach dem ich diesen Namentyp benannt habe. Dazu kamen noch viele andere Wörter desselben Themenkreises. Um die Jahrhundertwende begann man sogar, die Familiennamen gegen seltenere und nach neuen Modellen gebildete Namen auszutauschen, z.B. Sinisalo (finn. sini 'blau', salo 'Ödwald'). (S. Paikkala 1988, S. 52 f., 59 f.; Paikkala 1995, S. 119 f.)

5.3. Fennisierung

Das Programm zur Fennisierung der Bei- und Familiennamen erfuhr eine zweiteilige Verwirklichung. Es wurde unmittelbar angefangen, dem Volk die Bei- oder Familiennamen zu geben. Dem einfachen Volk fiel die Annahme eines finnischen Namens leichter, da der Entschluß nicht immer in eigener Hand lag, sondern von einer autoritären Entscheidung abhing. Dagegen war z.B. die Intelligenz genötigt, die Entscheidung selbst zu treffen oder aber bis zum kollektiven Beschluß von 1906 zu warten. Die Fennisierung der Namen der Intelligenz ging nicht so reibungslos vor sich. Es war leichter, sich fortan der finnischen anstatt der schwedischen Sprache zu bedienen als ein äußeres Kennzeichen, den Familiennamen, der durch seine Fremdsprachigkeit einen gewissen Status genoß, zugunsten eines finnischen aufzugeben.

Schon in den vierziger Jahren des vorigen Jahrhunderts hatten sich einige Studenten mit ostfinnischem Familiennamen geweigert, bei der Immatrikulation ihren Namen zu verfremden. Ein vergleichbares Beharren auf dem finnischsprachigen Namen ist auch in den fünfziger und sechziger Jahren in Schulen und Berufsständen zu erkennen. In gewissem Umfang hatte man sogar schon finnische Beinamen neuen Typs angenommen. Einige wichtige Schriftsteller begannen, finnische Autorennamen zu benutzen. In den Jahren 1875-79 gaben 26 Studenten offiziell die Fennisierung ihres Bei- oder Familiennamens bekannt (Pajula 1956, S. 114 f.). Eine Reihe von Beamten tat es ihnen nach. In der Hauptsache jedoch betrafen öffentlich bekannt gemachte Namensänderungen zu dieser Zeit die Änderung eines Namens in eine nicht-finnische Form.

Eine Fennisierung des Namens konnte nicht auf die leichte Schulter genommen werden, denn man begab sich damit in Gefahr, verspottet zu werden. Ein schönes Beispiel dafür sind die Briefe, die Magister Anton Almberg im Herbst 1874 aus Prag an seine Braut in Finnland schrieb:

Ich trage mich schon lange mit dem Gedanken, nach meiner Rückkehr meinen Namen durch eine offizielle Bekanntmachung in Finlands Allmänna Tidning ['Finnlands allgemeine Zeitung'] zu ändern. Was meinst Du? Wäre nicht Jalava tausendmal schöner? [Schw. alm und finn. jalava haben dieselbe Bedeutung, 'Ulme'.] Vielleicht sollte ich das schon in meiner Abwesenheit tun, dann brauche ich den Spott nicht anzuhören, mit dem mich ohne Zweifel viele bedenken werden [...]6.

Seine Braut, zwar aus schwedischem Hause, aber finnisch gesinnt, war entschieden gegen eine Namensänderung, u.a. weil "ich nicht glaube, daß ich so viel Mut besitze, all den Spott zu ertragen, der sowohl Dir als auch mir zuteil werden würde"7. Später heißt es sogar: "Tu, was Du willst, aber das sage ich Dir, eine Frau Jalava wird aus mir nie und nimmer"8. Almberg versucht noch zu erklären: "Und was meinen jetzigen Namen betrifft, so weißt Du ja, daß er nicht weiter als auf meinen Großvater zurückgeht, dem er vom Rektor der Schule aufgezwungen worden war"9. - So verzögerte sich die Namensänderung der Almbergs über dreißig Jahre und wurde erst im Zusammenhang mit der großen Namenfennisierungs-Manifestation zu Snellmans hundertstem Geburtstag 1906 durchgeführt.

Als erster gab im Herbst des Jahres 1875 der Student Wiktor Widbom die Fennisierung seines Namens öffentlich bekannt; er nahm den Namen Pajula (schw. vide, finn. paju 'Weide') an. Als er sich zu Beginn des Herbstsemesters bei dem als Svekomanen bekannten stellvertretenden Rektor Wilhelm Lagus an der Universität Helsinki einschreiben wollte, verbot dieser ihm scharf die Namensänderung und erklärte, die Studenten ständen unter Vormundschaft des Rektors und hätten nicht das Recht, ihren Namen ohne Erlaubnis des Rektors zu ändern. Doch Professor G. Z. Forsman, der zu den hervorragendsten Persönlichkeiten der fennophilen Bewegung gehörte, machte Widbom darauf aufmerksam, daß der Rektor kein Recht hatte, die Namensänderung zu verhindern, und forderte Widbom auf, die Änderung seines Namens offiziell bekannt zu geben. (Pajula 1956, S. 127 f.)

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Abb. 3. Die Anteile der verschiedenen Namentypen im Kirchspiel Pertteli, Eigentliches Finnland. - Aus der Abbildung wird u.a. die Verbreitung der Namen vom Virtanen-Typ ersichtlich: A = nicht-finnische Beinamen, B = nur Patronymika, D = Namen des Virtanen-Typs, C = sonstige f'innische Bei- und Familiennamen. Die dem Schema zugrundeliegende Statistik ist nach dem Verzeichnis der Getrauten (Männer) erstellt worden (Paikkala 1985, S. 16).

Die eigentliche Umwälzung im Beinamengut ging jedoch ohne großes Aufheben vonstatten. Geistliche, Lehrer, Beamte und andere begannen, inspiriert durch die öffentliche Diskussion und vom finnischen Gedanken beflügelt, die Innovation in die Tat umzusetzen. Die Westfinnen bekamen auf Initiative von Geistlichen, Lehrern und Vorarbeitern in den Fabriken sowie durch den Einfluß der Presse, von Seminaren und Landwirtschaftsschulen Familiennamen - im allgemeinen sogar finnische.

Dem einfachen Volk fiel es leichter, einen finnischsprachigen Namen anzunehmen, denn es handelte sich nicht immer um eine eigene, sondern eine autoritäre Entscheidung von Amts wegen. Dagegen mußte z.B. die Intelligenz ihre Entscheidung nach eigener Wahl treffen, und ein Teil wartete auch zunächst ab und schloß sich dann später der kollektiven Entscheidung im Jahre 1906 an.

Das Beinamengut des einfachen Volkes erfuhr eine schnelle Umwälzung. Namen vom Virtanen-Typ z.B. fanden ab 1875 geradezu explosionsartige Verbreitung, zu einem Zeitpunkt, als die Pioniere der Intelligenz noch dabei waren zu erwägen, ob sie einen finnischen Namen annehmen sollten oder nicht. - Viele neue Familiennamen vom Virtanen-Typ und dem später folgenden suffixlosen Laine-Typ gehören heute zu den häufigsten in Finnland. -Abb. 3 zeigt die Veränderungen, die in der Struktur des Namengutes an einem südwestfinnischen Ort (Pertteli) vor sich gegangen sind. Obwohl es sich nur um einen einzigen Ort handelt, spiegelt sich hier doch gut die Lage im ganzen Südwestfinnland ab. Es ist zu sehen, daß sich die größte Veränderung im letzten Viertel des vorigen Jahrhunderts abgespielt hat und nicht 1906 zur Zeit der großen Kampagne zur Namenfennisierung, die im allgemeinen als der bedeutendste Meilenstein im Vormarsch der finnischen Familiennamen angesehen wird. Dabei gehört der Beispielort zu den Orten, wo die Kampagne des Jahres 1906 großen Widerhall fand. Die zum hundertsten Geburtstag Snellmans veranstaltete Kampagne war eine große Demonstration von eher politischer Bedeutung - mengenmäßig waren die wichtigsten Veränderungen schon vollzogen, das Volk hatte die Verwendung von Familiennamen angenommen, und der finnische Gedanke hatte in den Reihen des Volkes Raum gewonnen. An einzelnen Orten, wo die Fennisierung der Namen z.B. wegen des Widerstandes von Geistlichen und Lehrern noch nicht in Gang gekommen war, konnte die Kampagne im Jahre 1906 durchaus eine entscheidende Rolle spielen. Auch fiel es Zweifelnden leichter, sich einer kollektiven Entscheidung anzuschließen.

5.4. Zentren der Verbreitung

Am schnellsten setzten sich die Neuerungen in den großen Städten durch, allen voran Helsinki und die ehemalige Hauptstadt Turku. Aber auch z.B. Tampere, Rauma und Salo waren wichtige Innovationszentren.

Unter dem Volk war der Umbruch im Familiennamengut rasant. Die Beliebtheit des Virtanen-Typs seit etwa 1875 ist schon erwähnt worden. Innovationszentren für den Virtanen-Typ waren die großen Städte Helsinki und Turku, aber auch Hämeenlinna, Tampere und Jyväskylä waren für die Ausbreitung des Namentyps von Bedeutung. Weiter entfernt von den Innovations- und Ausbreitungszentren des Virtanen-Typs fanden diese Namen erst in den Anfangsjahren dieses Jahrhunderts allgemeinere Anwendung.

Bei den Namen vom Virtanen-Typ handelt es sich eindeutig um die ersten echten finnischen, westlichen Familiennamen: sie ersetzten finnische oder schwedische Patronymika. Als ihr Hauptverbreitungsgebiet bildete sich der Südwesten Finnlands heraus, wo die Verwendung des Hofnamens als Beiname kaum üblich war.

Der Vormarsch des kürzeren suffixlosen Laine-Typs geschah in den neunziger Jahren des 19. Jahrhunderts. Zu eben dieser Zeit und genauso schnell bildeten sich auch die schwedischen Patronymika zu festen individuellen Beinamen heraus.

Diejenigen dagegen, die einen Namen des Laine-Typs annahmen, hatten schon vorher einen mehr oder weniger festen Beinamen, nämlich einen finnischen (z.B. einen Hofnamen, einen alten östlichen Familiennamen oder einen Namen vom Virtanen-Typ) oder einen fremdsprachigen Namen oder auch einen Familiennamen mit einem schwedischen Patronymikon als Grundlage. Die Haupstadt Helsinki war eindeutiger Innovationszentrum des Laine-Typs als die kleineren Städte und Orte. Zentren für die Ausbreitung dieses Namentyps waren überall über das Land verteilt: Turku, Tampere, Viborg, Kotka, Vaasa, Oulu und Kuopio, in gewissem Umfang auch Pori, Rauma, St. Petersburg, Sortavala, Mikkeli und Iisalmi sowie eine Reihe von Landgemeinden: Iitti, Valkeala, Nurmijärvi, Pyhäjärvi (Uudenmaan lääni), Tammela, Hausjärvi und Parikkala. Dieser Namentyp fand also sehr viel größere Verbreitung in Finnland als der Virtanen-Typ.

6. Schlußwort

Prinzipiell waren die neuen Namenformen nicht von gesellschaftlichen Gruppen abhängig. Da aber z.B. die Arbeiterbevölkerung schneller finnischsprachige Namen annahm, sind in diesen Namen die Namenmoden der Anfangszeit in weiterem Maße vertreten als z.B. in den Namen der Intelligenz. In der gebildeten Schicht entschied man sich bei der Fennisierung für formal modernere Namen, während sich das gemeine Volk mit hergebrachten Formen zufriedengab. Das Bestreben, die Namen nicht mit dem Wohnort in Verbindung zu bringen, leistete der Gleichberechtigung der Stände Vorschub: der Name sollte nicht gleich darüber Aufschluß geben, ob man es mit einem Sproß eines Gutshofes oder der Tochter eines Kätners zu tun hatte.

Das alte fremdsprachige Namengut von Soldaten, Bürgern und Handwerkern war bereits zum Teil abstrakt, nach Mustern entwickelt, so daß nicht immer ein Zusammenhang mit Wohnort oder Beruf deutlich wurde. Der zunehmende Zuzug der Bevölkerung in die Städte und Industriegebiete machte die traditionelle Sitte der Namengebung nach dem Wohnort unmöglich. Auch das Volk auf dem Lande ohne Bodenbesitz hatte keinen Bezugspunkt, der zur Namengebung getaugt hätte. In Familien der Intelligenz und der gehobenen Stände kam es vor, daß ein tradierter finnischer Familien- oder Hofname bereits über viele Generationen außer Gebrauch gewesen war.

Finnland war zwar noch ein Agrarstaat, aber die allmähliche Urbanisierung und Industrialisierung befreiten auch die Namenwahl von alten Traditionen. Es entstanden neue Benennungsweisen, von denen vor allem der Virtanen-Typ als chronologischer Indikator für die Ausbreitung des modernen Familiennamenbegriffs angesehen werden kann.

Eine Kette von Innovationen sowie die schnelle Diffusion der Innovationen erschütterten bis zum jahr 1920 das finnische Beinamensystem. Aus uneinheitlichen Bei- und Familiennamensystemen mit ihren auf die Stände, die Zünfte, kulturelle Bindungen und regionale Besonderheiten zurückgehenden Eigenheiten wurde anhand des europäischen Nationalgedankens und nationaler finnischer Besonderheiten das Bündel geschnürt, aus dem das heutige finnische Familiennamengut besteht.

Quellen und Literatur

Ungedruckte Quellen

Geschichtsbücher der Gemeinden, Kopien, die im Auftrag von Suomen Sukututkimusseura (der Finnischen Gesellschaft für Familienforschung) angefertigt wurden, Kansallisarkisto (Nationalarchiv), Helsinki (= FRA).

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[1] Eine Kurzfassung wurde dem 18. Internationalen Kongreß für Namenforschung in Trier 1993 vorgelegt (Paikkala im Druck).

[2] Kryptonym Moittivainen 1856: "kaikilla tulisi olla suomenkielinen sukunimi".

[3] Kryptonym Moittivainen 1856: "suomalaisten ei tulisi enää ottaa vieraskielisiä nimiä".

[4] Kramsu 1886: "Ylimalkaan voi kaikkialla maailmassa arvata ihmisen kansallisuuden hänen sukunimestänsä. Wenäläisellä on wenäläinen nimi, ranskalaisella ranskalainen, saksalaisella saksalainen jne. - Entisaikoina oli kyllä kaikkialla Euroopassa tapana, että opintielle antautuneet henkilöt ottivat latinalaisia tai kreikkalaisia nimiä [...], mutta tämä tapa on jo yleiseen hylätty."

[5] Kryptonym Teräväinen 1887: "Mitä enemmän sivistys kasvaa, ja yhteiskunnalliset olot kehittyvät, sitä enemmän joka mies uudestaan astuu esiin itsenäisenä kansakunnallisena yksilönä, jolla tämän kansakunnallisen yksilöllisyyden ulkonaisena merkkinä tarvitsee olla oma erityinen sukunimi. Ja tätä vaatii myöskin kasvava liike ja sitä seuraava yhteenkuuluvuus kansakunnan jäsenten välillä. Se aika ei sentähden voi olla kaukana, milloin asiain pakko panee niitäkin kansanluokkia, jotka tätä nykyä ovat sukunimiä vailla, varsinaisia liikanimiä itsellensä hankkimaan, mutta ei enää hankkimaan niitä ruotsalaisuuden vanhentuneesta vara-aitasta."

[6] Pajula 1956, S. 110: "Minä olen paljon miettinyt kotia tultuani julkisesti ilmoituksen kautta Finl. Allm. T:ssä muuttaa nimeni. Mitä Sinä siitä arvelet? Eikö olisi tuhat kertaa kauniimpi, Jalava, joka on mitä kauniimpia sanoja suomenkielessä. - Ehkä tekisin sen jo poissa ollessani, niin pääsisin kuulemasta sitä pilkkaa, jota moni epäilemättä sen johdosta tulee laskemaan. Kysy tästä asiasta tuttavieni ja ystävieni mielipidettä [...]."

[7] Pajula 1956, S. 110: "Enkä luulis minulla olevan niin paljon rohkeutta, että voisin kärsiä kaikkia pilkkaa, jota siinä seikassa tulisi sekä Sinulle että minulle osaksi."

[8] Pajula 1956, S. 111: "Tee mitä tahdot, mutta sen sanon Sinulle, että rouva Jalavaa ei minusta ikinä tule."

[9] Pajula 1956, S. 111: "Ja mitä minun nykyiseen nimeeni tulee, niin tiedäthän Sinä, ettei se taannehdi sen pitemmälle kuin isoisään, jolle sen pakotti koulun rehtori."

Lähde: Studia Anthroponymica Scandinavica 15 (1997), S. 113-131.

© Sirkka Paikkala

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